„…Bei dem Anschlag wurden der Bundeskanzler, der Außenminister, der Staatssekretär für Äußere Angelegenheiten und weitere der Delegation auf das Schwerste verletzt und befinden sich derzeit noch auf der Intensivstation der Bundeswehr. Auf Grund des instabilen Gesundheitszustandes und der nach wie vor großen Lebensgefahr ist eine Verlegung nach Deutschland erst einmal völlig ausgeschlossen. Der Bundesinnenminister übernimmt derweil alle Termine des Kanzlers bis…“, töte es aus dem Fernseher.
Martin Lauber schaltete den Fernseher ab. Abendnachrichten. 20 Uhr wie immer: Tagesschau. Es gab keine guten Nachrichten, das war ihm schon vorher klar. Anschlag auf den Kanzler. Anschlag auf den Außenminister. Überhaupt wieder ein Anschlag auf eine deutsche Delegation. Der Terror ist bei den Deutschen angekommen. Lange hielt man die Reden des ehemaligen Bundesinnenministers für „Panikmache“, doch nur wenige Jahre später zeigte sich, dass er doch recht hatte. Aber ein derartiger Anschlag? Man kann von Glück sagen, dass der Attentäter wenige Meter vor der Delegation gestoppt wurde, zwei, drei Meter weiter und die Bombe hätte eine tödliche und nicht nur lebensbedrohliche Folge gehabt und das für eine beträchtliche Anzahl Menschen. Fünf Stunden war das nun her. Eigentlich komisch, dass er in diesem Moment gerade etwas Fernsehen geschaut hatte und dann auch noch Nachrichten um genauer zu sein Nachrichten, die er genau kannte. Vor drei Stunden kam sofort der Anruf aus Berlin er solle sich sofort in die Hauptstadt begeben und im Krisenstab mitwirken. Das wiederum ist für ihn nicht ungewöhnlich, fast schon sein täglich Brot. Aber sowas? Und das jetzt wo er sich doch gerade im Urlaub befindet. Island. Wie er da nun drauf kam weis er nicht mal selbst so recht. Den nächsten Flug nach Berlin solle er nehmen, dann direkt ins Kanzleramt. Kanzleramt auch das war ungewohnt. Mitarbeiter des Außenministeriums für Krisenangelegenheiten kommen da auch nicht alle Tage hin. Vier Stunden noch und der Flug geht. Er fliegt nach Berlin, muss er ja auch. Seine Frau, die zwei Kinder bleiben noch, was sollten sie auch machen. Bringt ja nichts jetzt den dreiwöchigen Urlaub abzubrechen, nur weil Papa arbeiten muss – und das nach drei Tagen schon. Das würden die Kinder ihm nie verzeihen. Gepackt war schon alles und das Taxi wird wohl in wenigen Minuten kommen.
Wenn dann in fünf Stunden die Kinder und seine Frau heimkämen, dann wäre er weg. Das war heute Morgen schon so urplötzlich war der Papa verschwunden. Eben noch vor Geysiren gestanden und dann der Anruf auf dem Handy. Schnell mit der Gattin die Lage besprochen und schon musste er weg. Taxisfahrt, ab in das Ferienhaus, schnell Sachen gepackt und das Taxi gerufen.
Den Kindern hatte er erst mal nichts gesagt – das ginge auch gar nicht. Auf diesen Ausflug heute haben sie sich so gefreut. Den sollten sie ganz genießen können. Da kann der Papa nicht heimfliegen müssen. Da hieß es eben nur dem Papa sei gerade nicht gut und er ist heim um sich bisschen hinzulegen. Bauchweh – das verstanden die Kinder. Petra hat er es ja sagen können – sie natürlich auch alles andere als begeistert, das versteht sich ja von selbst; aber sie war auch sehr schockiert weswegen er weg muss – sie verstand die Lage und sie kam damit klar. Aber mach das mal zwei Kindern mit fünf und sieben Jahren klar. Das konnte Martin nicht. Er wusste nicht wie. Aber Petra, die konnte sowas. Da klang alles furchtbare irgendwie weniger schlimm.
Es klingelte.
„Das ist bestimmt das Taxi.“, dachte er.
Er schaute aus dem Fenster und es war das Taxi. Schnell nahm er seine Jacke, den Schirm und verließ die Wohnung und ging zur Tür. Begrüßte in seinem stets geübten Englisch den Taxifahrer und sagte, dass er zum Flughafen müsse.
Während der Fahrt wagte er es doch sein Notebook auszupacken. Kaum drei Monate alt, UMTS mit HSDPA und HSUPA, Wireless-Lan nach Draft n, Blueray Brenner alles tip top. Das sagte man zumindest zu ihm. Er hatte ja von sowas nicht so viel Ahnung. Vier Tage hatte er das Ding jetzt nicht mehr angeschaltet gehabt.
E-Mails Abfragen. Passwort, Nutzername, verschlüsselte Verbindung – alles war an dem Ding verschlüsselt. Das sagte er zumindest immer. Es kam nie jemand dazu es zu prüfen, denn er gab es nie aus der Hand. Das durfte er auch gar nicht. Man stelle sich das nur vor: Ein Notebook mit geheimen Daten der Regierung wird von Kindern zum Spielen missbraucht, oder die Frau einfach mal schnell was schoppen zu lassen. Nein. Das ging nicht. Das durfte nicht sein.
Er las seine Nachrichten viel war in den letzten Tagen nicht gekommen, er hatte ja Urlaub. Aber seit heute Morgen haufenweise Mails. Dort ne Besprechung – da ein Bericht. Dort eine neue Sachlage – da eine neue Einschätzung.
Er wurde nervös. Das was er las machte ihm Angst.
„Das ist doch Schwachsinn! Purer Schwachsinn. Sowas von unglaubwürdig.“, ich riss das Blatt aus dem Block und schmiss es in den Papierkorb. Das war nun schon der vierte verhunzte Romananfang. Aber irgendwas musste doch aus dieser Anschlagsgeschichte und Martin Lauber werden. Heute will aber auch gar nichts. Ich schreibe auf einen Block. Vor zwanzig Jahren schrieb ich wenigstens auf eine Schreibmaschine. Jetzt mit diesen PCs kann man ja gar nichts mehr, wenn sie mal streiken. Warum auch immer das Teil plötzlich krepiert ist. Schon das hatte mich vor Wut entbrannt. Jetzt ist der bei irgend so einem PC-Mensch, der ihn wohl wieder repariert. Aber ich muss schreiben. Der vierte Teil der Martin Lauber Reihe war schon vertraglich besiegelt. Und irgendwo lief mir auch schon die Zeit davon. Schreiben auf Papierblöcken. Das ist eine interessante Erfahrung. Jeder Fehler wird regelrecht bestraft. Das ist nicht wie es Schreibprogramme ermöglichen: Einfach den Text wieder wegmachen. Nein, beim Kugelschreiber gibt es keine Gnade. Irgendwann ich das Manuskript wohl abtippen, irgendwann wenn der Computer wieder geht.
Die Uhr zeigt schon viertel nach neun. Weiterschreiben, das ist jetzt ganz unmöglich. Noch einen Anfang dafür habe er jetzt keinen Nerv. Wie doch der ehemalige Deutschlehrer immer sagte, „gute Romane erkennt man daran, dass im Anfang schon alles drin ist.“ Aber waren sie gut? Waren meine bisherigen Romane nach diesem Gesichtspunkt gut? Bestseller waren sie schon mal. Dieser Schreibstil von mir traf immer den Nerv der Menschen. Es war nicht diese übermäßig Stilisierte Literatur. Es ist mehr so wie man es fühlt. Genauso beschrieben, wie man es selbst wahrnehmen würde. Es geht nicht um irgendeine Philosophie beim Schreiben. Es geht nicht drum irgendwelche Werte vermitteln zu wollen. Das man mit Literatur die Welt verändern kann – da habe ich schon als Schüler nicht dran geglaubt. Schon damals hasste ich Goethe und seines Gleichen. Es geht darum eine Stimmung zu vermitteln – eine Situation. Wenn sich der Mensch in die Lage der Figuren versetzen kann, nur dann kann er da draus eine Lehre ziehen. Irgendwo zieht man eine Lehre aus der Literatur. Das ist auch für mich schon immer klar gewesen. Aber richtig erziehen – das ist unmöglich. Wenn man einen Text liest und der Text gut ist, dann hat das einen gewissen Einfluss auf einem selbst. Aber das ist eben nichts was der Autor gezielt herbeiführen kann und es ist schon gar keine Sache, die bei allen Menschen gleich ist. Und genau mit dieser Motivation schreibe ich. Es geht darum die Situation möglichst detaillierte abzubilden, damit man sich rein finden kann. Damit man mitfühlen kann, damit man sich mitfreuen kann und damit man mitleiden kann. Es geht da jetzt nicht um irgendwas wie Katharsis, wie in den klassischen Dramen. Das ist schon wieder etwas an dessen Wirkung ich nicht glaube. Das gibt es nicht wirklich.
Sprache ist auch immer so eine Sache bei meinen Romanen. Ein bekannter Literaturkritiker, manche mögen ihn auch „Literaturpapst“ nennen – das mache ich nicht, denn der Papst beansprucht für sich ja bekanntlich die Unfehlbarkeit – sagte mal „Diese Art wie er schreibt. Es klingt als würde jemand seinen Freunden erzählen, was wirklich passiert ist. Damit wird die Sache anspruchslos.“ Naja bei ersterem hatte er recht – dem letzten Teil widersprachen zum Glück einige andere bekannte Persönlichkeiten unter den Literaten. Es stimmt meine Sprache ist nicht sehr gewählt. Ich schreibe so wie ich denke. Da geht es nicht um Wortklaubereien. Man kann hinterher nicht die Frage stellen „Wieso hat der Autor das so und so geschrieben und nicht ein anderes Wort benutzt?“. Trotzdem machen es immer wieder Leute und diese Leute finden da sogar noch Antworten drauf – das finde dann ich wiederum sehr interessant.
Aber ich versinke immer zu in meine Gedanken. Katja meinte, ich kümmere mich viel zu häufig nur um mich. Ich sollte mal begreifen, dass ich nicht das Zentrum der Welt bin.
Katja
Katja
Katja
Jetzt ist mit endgültig nicht mehr nach weiter machen.
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